Warum es neue Wohnformen bei Demenz braucht

Die bestehenden Strukturen stoßen an ihre Grenzen – ein systemischer Ansatz für neue Lösungen

Warum dieses Konzept entstanden ist

Es ist aus Erfahrungen entstanden, die sich nicht mehr wegdiskutieren lassen.

Die bestehenden Strukturen stoßen an ihre Grenzen. Nicht, weil Menschen sich nicht kümmern – sondern weil das System nicht für diese Situation gemacht ist.

Gleichzeitig wird sich die Lage weiter zuspitzen. Die Zahl der Menschen mit Demenz steigt. Und gleichzeitig fehlen immer mehr Fachkräfte.

Das bedeutet: Die bisherigen Lösungen werden nicht ausreichen.

Eine einfache Realität

Im Austausch mit Angehörigen wird immer wieder deutlich:

Das eigentliche Problem ist nicht nur die Erkrankung. Es ist die wachsende Überforderung im Alltag.

Alles verlagert sich auf eine Person. Unterstützung kommt punktuell – aber nicht als tragfähige Struktur.

Was fehlt, ist ein System, das im Alltag trägt.

Verlässliche Entlastung. Im Alltag. Ganz selbstverständlich.

So, wie man es aus funktionierenden Gemeinschaften kennt.

Die entscheidende Frage

Warum gibt es kein System, das genau darauf eine Antwort gibt?

Ein System, das:

  • das Zusammenbleiben ermöglicht
  • Unterstützung organisiert
  • und nicht erst dann greift, wenn es zu spät ist

Wie die Idee entstanden ist

Die Idee entstand aus einer konkreten Begegnung.

Im Wohnnetzwerk von Joachim Böhm fand ein Online-Treffen zum Thema gemeinschaftliches Wohnen statt. Einer der Teilnehmer war Peter Haupt, der gemeinsam mit seiner an Demenz erkrankten Partnerin nach neuen Wohnmöglichkeiten suchte.

Die Frage war eigentlich einfach:
Gibt es Wohnprojekte mit abgeschlossenen Wohnungen für Paare, in denen Menschen trotz Demenz gemeinschaftlich leben und sich gegenseitig unterstützen können?

Bei der anschließenden Recherche zeigte sich etwas Überraschendes:
In Deutschland gibt es kaum entsprechende Modelle – und dort, wo ähnliche Konzepte existieren, werden sie meist von professionellen Trägern organisiert.

Für Joachim Böhm war diese Erkenntnis besonders bedeutsam.
Seit über 20 Jahren entwickelt und begleitet er gemeinschaftliche Wohnprojekte in unterschiedlichen Rechtsformen. Die Erfahrung daraus zeigt: Gemeinschaft kann im Alltag sehr tragfähig sein – wenn die Strukturen stimmen.

Genau daraus entstand die Überlegung, ob sich diese Erfahrungen auf das Leben mit Demenz übertragen lassen.

Gleichzeitig brachte Silvia Schade ihre pflegewissenschaftliche Erfahrung ein. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich intensiv mit demenzsensiblen Strukturen im Krankenhausalltag. Dort zeigt sich immer wieder, wie schnell Menschen mit Demenz in Systeme geraten, die nicht auf ihre eigentlichen Bedürfnisse ausgerichtet sind.

Aus diesen unterschiedlichen Erfahrungen entstand Schritt für Schritt die Idee eines neuen Modells:
gemeinschaftliche Wohnformen für Menschen mit Demenz und ihre Partner – zwischen Alleinüberforderung und Pflegeeinrichtung.

Warum gibt es kein System, das genau darauf eine Antwort gibt?

Ein System, das:

  • das Zusammenbleiben ermöglicht
  • Unterstützung organisiert
  • und nicht erst dann greift, wenn es zu spät ist

Unsere Sicht

Wir haben über viele Jahre gemeinschaftliche Wohnprojekte entwickelt und begleitet.

Ein zentraler Teil dieser Arbeit ist der Aufbau von Netzwerken: Menschen zusammenbringen, Strukturen entwickeln und Projekte so organisieren, dass sie dauerhaft funktionieren.

Die Erfahrung daraus ist eindeutig: Einzelne Lösungen reichen nicht. Was fehlt, sind übertragbare Strukturen.

Genau darum geht es hier: Ein System zu entwickeln, das in verschiedenen Kommunen angewendet werden kann.

Dort, wo Nachfrage besteht, werden Projekte in passender Größe realisiert. Eingebettet in bestehende Strukturen vor Ort.

Für die beteiligten Paare bedeutet das: Sie werden nicht zu Projektentwicklern. Sie werden Teil eines Systems, das bereits durchdacht und organisiert ist.

In Verbindung mit fachlichem Wissen aus der Pflege entsteht daraus ein Ansatz, der über bestehende Modelle hinausgeht.

Die Rollen im Team sind dabei klar verteilt: Die Struktur für Bau, Finanzierung und die Suche nach geeigneten Immobilien wird vor Ort entwickelt.

Die Pflegewissenschaftlerin unterstützt beim Aufbau und der Organisation der ambulanten Versorgung und möglicher Tagespflege im Haus.

Je nach Projekt wird das Team gezielt erweitert und an die jeweiligen Anforderungen angepasst.

Die Projekte entstehen nicht isoliert, sondern immer in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Kommunen.

Die Vision

Wohnen mit Demenz wird sich verändern.

Es wird nicht dabei bleiben, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: alleine überfordert sein – oder in eine Einrichtung ziehen.

Es entsteht ein neues System des Wohnens dazwischen.

Ein System, das:

  • auf Gemeinschaft basiert
  • Unterstützung integriert
  • und Entlastung strukturell absichert

Nicht als Einzelprojekt. Sondern als übertragbares Modell.

Gemeinschaft funktioniert – wenn sie organisiert ist

Es gibt bereits realisierte gemeinschaftliche Wohnprojekte, die über viele Jahre stabil funktionieren. Sie sind unterschiedlich organisiert – aber sie zeigen, dass gemeinschaftliches Wohnen im Alltag tragfähig sein kann.

Drei reale Beispiele

Im Projekt „Haus am Fleet“ in Bremen entstand ein Eigentumsprojekt mit 14 Wohnungen. Die Bewohner haben das Projekt gemeinsam entwickelt und umgesetzt. Entscheidend war nicht nur das Gebäude, sondern die intensive Abstimmung im Vorfeld: Wer passt zusammen, wie wollen wir leben, wie gehen wir mit Veränderungen um? Diese gemeinsame Grundlage wirkt bis heute stabilisierend.

Im Projekt „Theovida“ (10 Wohneinheiten, organisiert als GmbH & Co. KG) wurde bewusst eine überschaubare Gruppe gewählt. Die Struktur ermöglicht klare Verantwortlichkeiten und gleichzeitig Nähe im Alltag. Entscheidungen können getroffen werden, ohne dass sie im System verloren gehen. Das schafft Verlässlichkeit.

Im Projekt „Wolke 51“ (12 Wohneinheiten, ebenfalls als GmbH & Co. KG organisiert) zeigt sich ein ähnliches Bild: Die Gruppe trägt das Projekt gemeinsam. Unterstützung entsteht nicht zufällig, sondern weil Menschen sich kennen, Verantwortung teilen und Strukturen vorhanden sind, die das ermöglichen.

Was man daraus lernen kann

Unterschiedliche Modelle, unterschiedliche Rahmenbedingungen – aber ein gemeinsamer Kern:

Gemeinschaft funktioniert dann dauerhaft, wenn sie organisiert ist.

Nicht als lose Idee. Sondern als strukturierter Rahmen, der im Alltag trägt.

Erst dadurch entsteht etwas, das im Einzelhaushalt kaum möglich ist: Verlässlichkeit, gegenseitige Unterstützung und das Gefühl, nicht allein verantwortlich zu sein.

Was das für das Leben mit Demenz bedeutet

Wenn man diese Erfahrungen überträgt, wird klar:

Das, was in diesen Projekten funktioniert, ist genau das, was im Alltag mit Demenz fehlt.

Nicht einzelne Hilfsangebote. Sondern ein Umfeld, das trägt.

Nicht punktuelle Entlastung. Sondern eine Struktur, die dauerhaft unterstützt.

Gerade bei Demenz entsteht die Belastung nicht plötzlich – sie wächst Schritt für Schritt. Unterstützung muss deshalb früh beginnen und sich mitentwickeln.

Das gelingt nur, wenn sie Teil des Wohnens ist – nicht etwas, das von außen hinzukommt.

Diese Seite gehört zum Gesamtkonzept:
Gemeinsam wohnen trotz Demenz

Zum Verständnis des Konzepts:
Wohnkonzept